Hilferuf einer Mutter:
„Hallo, das ist ein Hilferuf einer Mama, mein Sohn (29) ist seit 10 Jahren süchtig, immer wieder clean und rückfällig (Ketamin), hat auch einen Suizidversuch hinter sich. Gerade wieder rückfällig geworden bin ich jetzt komplett am Ende, ich kann nicht mehr, ich kann ihn aber auch nicht sich selbst überlassen. Bitte bitte wie und wo kann ich Unterstützung bekommen. Ich hoffe auf eine Antwort vielen lieben Dank“
(Anmerkung: Der Name der Mutter wurde zum Schutz ihrer Privatsphäre in „Susanne“ geändert. Ihre Geschichte ist echt.)
Liebe Susanne,
danke für deine offene und schmerzhafte Nachricht. Dein Hilferuf hat mich tief berührt, denn er enthält den einen Satz, der das ganze Leid von Angehörigen zusammenfasst: „Ich kann nicht mehr, aber ich kann ihn auch nicht loslassen.“
Du steckst in einer Zwickmühle aus Liebe, Angst, Erschöpfung und Verantwortung. Und ich möchte dir sagen: Deine Gefühle sind absolut berechtigt. Du bist am Ende deiner Kraft. Und das ist okay. Lass uns schauen, wie du wieder zu deiner eigenen kommst.
Das Wichtigste zuerst: Deine Sauerstoffmaske & die 3 K’s ✈️
Bevor wir über deinen Sohn reden, reden wir über DICH. Du kennst die Ansage im Flugzeug: „Setzen Sie zuerst Ihre eigene Sauerstoffmaske auf, bevor Sie anderen Personen helfen.“ Ein Helfer, der keine Luft bekommt, kann niemanden retten. Das gilt für dich gerade zu 1000%.
Das Mantra für Angehörige: Die 3 K’s
Bitte präge dir diese drei Sätze ein. Sie sind deine Rettungsleine:
- Krankheit: Du hast die Sucht deines Sohnes nicht verursacht.
- Kontrolle: Du kannst seine Sucht nicht kontrollieren.
- Kurieren: Du kannst seine Krankheit nicht heilen.
Das zu akzeptieren, nimmt dir die unerträgliche Last der Verantwortung von den Schultern, die nicht deine ist.

Warum du ihn nicht „retten“ kannst (Die Grenzen der Mutterliebe) 💔
Dein Sohn ist 29. Er ist ein erwachsener Mann. So schmerzhaft es ist: Du kannst die Entscheidung, clean zu werden, nicht für ihn treffen. Jeder Versuch, ihn zu kontrollieren, zu überwachen oder ihm die Konsequenzen seines Handelns abzunehmen („Enabling“), wird die Sucht auf lange Sicht nur füttern.
Deine Liebe ist unendlich, aber deine Macht über seine Krankheit ist es nicht. Deine Aufgabe ist nicht, ihn zu retten. Deine Aufgabe ist es, zu überleben und ein klares, starkes und liebevolles Gegenüber zu sein, das aber die Krankheit nicht länger unterstützt.
Dein Notfallplan: Konkrete Schritte, die DU JETZT tun kannst 💪
Panik lähmt. Ein Plan gibt Kraft. Hier sind konkrete Schritte nur für dich:
- Hol dir SOFORT Hilfe für DICH!Das ist nicht verhandelbar. Du brauchst einen Ort, an dem du deinen ganzen Schmerz, deine Wut und deine Verzweiflung abladen kannst, ohne verurteilt zu werden.
- Setze liebevolle, aber knallharte Grenzen.Überlege dir, was du nicht mehr mittragen kannst und willst. Kommuniziere das ruhig und klar, wenn er nüchtern ist. Beispiele:
- „Ich liebe dich, aber ich werde dir kein Geld mehr geben.“
- „Ich bin immer für dich da, um mit dir zu einer Beratungsstelle zu gehen. Aber ich werde nicht mehr mit dir über deine Probleme reden, wenn du unter Einfluss stehst.“
- „Du kannst mich jederzeit anrufen. Aber wenn du mich beleidigst oder manipulierst, werde ich das Gespräch beenden.“
- Erstelle einen Krisenplan für den Notfall.Da dein Sohn eine Suizid-Vorgeschichte hat, ist das überlebenswichtig. Was tust du, wenn er wieder suizidal wird? Deine einzige Aufgabe ist dann: Den Notruf 112 wählen. Du bist nicht seine Therapeutin. Gib die Verantwortung an die Profis ab.

Wo du als Mutter in Deutschland Hilfe findest (Konkrete Adressen) 🙏
Du musst das nicht allein schaffen. Diese Stellen sind genau für Menschen wie dich da!
🤝 Selbsthilfegruppen für Angehörige (Gold wert!)
- ELSA – Elternkreise für suchtgefährdete und suchtkranke Söhne und Töchter e.V.: Die sind genau auf deine Situation spezialisiert! Finde eine Gruppe in deiner Nähe.
- Nar-Anon Familiengruppen: Der Klassiker für Angehörige von Drogenabhängigen. Hier triffst du Menschen, die JEDES deiner Gefühle verstehen.
- CoDA (Co-Dependents Anonymous): Wenn du merkst, dass du dich immer wieder in den Problemen anderer verlierst.
☎️ Beratung & Information (Anonym & kostenlos)
- Lokale Suchtberatungsstellen: Google „Suchtberatung Angehörige [Deine Stadt]“. Sie beraten kostenlos und helfen dir, die Situation zu sortieren.
- Elterntelefon der „Nummer gegen Kummer“: 0800 111 0 550. Speziell für die Sorgen von Eltern.
- Telefonseelsorge: 0800 / 111 0 111. Rund um die Uhr da, wenn du einfach nur reden musst.
Ein letztes Wort an dich, liebe Susanne
Dein Schmerz ist greifbar. Aber deine Kraft ist es auch. Du hast 10 Jahre gekämpft. Jetzt ist es an der Zeit, für dich zu kämpfen. Indem du dir selbst hilfst, setzt du die wichtigste Grenze und bist das stärkste Vorbild, das du für deinen Sohn sein kannst. Du zeigst ihm, dass Veränderung möglich ist – indem du bei dir selbst anfängst.
Ich wünsche dir von Herzen alle Kraft der Welt.
Häufige Fragen (FAQ) für Eltern von erwachsenen suchtkranken Kindern
Mein Sohn droht mit Suizid, wenn ich ihm nicht helfe (z.B. Geld gebe). Was soll ich tun?
Das ist eine furchtbare emotionale Erpressung, die aus der tiefen Verzweiflung der Sucht entsteht. Deine Grenze ist trotzdem richtig. Deine Antwort muss ruhig und klar sein: „Ich liebe dich und genau deshalb kann ich deine Sucht nicht weiter finanzieren. Wenn du dir ernsthaft etwas antun willst, ist meine Verantwortung, sofort professionelle Hilfe für dich zu rufen (den Notarzt 112).“ Damit gibst du die Verantwortung an die Profis ab und bleibst bei deiner Grenze.
Was bedeutet „Loslassen“ wirklich? Heißt das, ich soll ihn auf der Straße lassen?
Nein. Loslassen bedeutet nicht, ihn fallen zu lassen oder nicht mehr zu lieben. Es bedeutet, die Illusion der Kontrolle loszulassen. Du lässt die Krankheit los, nicht den Menschen. Du hörst auf, für ihn Probleme zu lösen, die er durch seinen Konsum selbst verursacht hat. Du lässt ihn die Konsequenzen seines Handelns spüren, denn nur daraus kann der Wunsch nach echter Veränderung entstehen.
Die Suchtberatungsstellen sind doch für die Süchtigen, oder?
Nein, das ist ein häufiger Irrtum. Fast alle Suchtberatungsstellen haben spezielle, kostenlose und anonyme Angebote nur für Angehörige. Sie sind eine der wichtigsten Anlaufstellen, um zu lernen, wie man mit der Situation umgeht, wo die eigenen Grenzen liegen und wie man sich selbst schützen kann.