Hey Du,
heute reden wir über eines der wichtigsten, aber auch umstrittensten Werkzeuge im Kampf gegen die Opioid-Hölle: die Substitutionstherapie.
Für viele ist sie der einzige Weg, aus dem Teufelskreis aus Beschaffungskriminalität, Entzug und der ständigen Angst vor der nächsten Überdosis auszubrechen. Für andere fühlt es sich an, als würde man nur eine Sucht gegen eine andere, staatlich kontrollierte, eintauschen. Lass uns Klartext reden.
Was ist Substitutionstherapie?
Ganz einfach gesagt: Bei einer Substitutionstherapie bekommst du von einem Arzt ein Ersatzmittel (ein Substitut) verschrieben, das die Wirkung von illegalen Opioiden wie Heroin imitiert.
Das Ziel ist NICHT, dich „high“ zu machen. Das Ziel ist:
- Entzugserscheinungen („Affe“) zu verhindern.
- Den Suchtdruck (Craving) zu unterdrücken.
- Die Wirkung von zusätzlich konsumiertem Heroin zu blockieren.
Das gibt dir die Stabilität, dein Leben wieder in den Griff zu bekommen, ohne den ständigen Druck der Drogenbeschaffung.

Die Medikamente: Ein Überblick über die Werkzeuge
Es gibt verschiedene Substitute, die je nach Patient und Lebenssituation besser oder schlechter geeignet sind.
Medikament | Wirkungsweise | Vorteile | Nachteile |
Methadon/Levomethadon | Vollagonist | Starke Wirkung, gut etabliert | Starke Sedierung, Schwitzen, langer Entzug |
Buprenorphin (Subutex®) | Partialagonist | Geringeres Überdosisrisiko, weniger sedierend | Wirkung für manche zu schwach, kann Entzug auslösen |
Retardiertes Morphin (Substitol®) | Vollagonist | „Klarerer Kopf“ als bei Methadon | Hohes Missbrauchspotenzial durch Manipulation |
Diamorphin (Heroin) | Vollagonist | Wirkt bei Schwerstabhängigen, bei denen nichts anderes hilft | Extrem strenge Auflagen, nur in Spezialambulanzen |
Die Vorteile: Warum Substitution Leben rettet
Die positiven Effekte sind durch unzählige Studien und Erfahrungsberichte belegt:
- Gesundheit: Das Risiko für Überdosierungen und Infektionskrankheiten (HIV, Hepatitis) sinkt drastisch.
- Soziale Reintegration: Es wird wieder möglich, einer Arbeit nachzugehen, Beziehungen zu führen und am Leben teilzunehmen.
- Weniger Kriminalität: Der Zwang zur Drogenbeschaffung durch Diebstahl oder Prostitution fällt weg.
- Verbesserte Lebensqualität: Leben ohne die ständige Angst vor dem nächsten Entzug.
Ein substituierter Patient fasst es so zusammen: „Endlich kein Stress mehr, Geld machen zu müssen, um nicht entzügig zu sein.“

Die Nachteile & Risiken: Der „goldene Käfig“
Trotz der Vorteile ist die Substitution kein Spaziergang. Neben den medizinischen Risiken gibt es auch eine harte Realität auf der Straße, die zeigt, wie die Sucht jedes System unterwandern kann.
Meine Beobachtung aus Neukölln: Spucken, Verkaufen, Weitermachen 🔄
Ich habe es selbst unzählige Male in der Nähe der Karl-Marx-Straße beobachtet. Rund 80% der User kommen aus der Praxis, wo sie ihre Dosis unter Sicht bekommen. Kaum sind sie außer Sichtweite der letzten Kamera, kommt ein plötzlicher „Hustenanfall“. Mit geübten Tricks – ein Taschentuch im Mund, eine schnelle Bewegung – wird die unter der Zunge gehortete Tablette (oft Subutex oder Polamidon) ausgespuckt. Zack, ist das „sichere“ Medikament bereit für den Schwarzmarkt.
Sie verkaufen es, um sich davon den „richtigen“ Stoff zu holen. Das angebliche Hilfsmittel wird zur Währung für die eigentliche Sucht.
Dieser Schwarzmarkt und die ständige Konfrontation mit der Szene sind weitere große Nachteile:
- Neue Abhängigkeit: Du bist und bleibst körperlich von einem hochpotenten Opioid abhängig. Der Entzug von Substitutionsmitteln ist oft noch langwieriger als der von Heroin.
- Beikonsum: Der Mischkonsum mit Alkohol oder Benzodiazepinen ist lebensgefährlich.
- Stigmatisierung: Substituierte werden oft von der Gesellschaft diskriminiert.
- Emotionale Abflachung: Viele berichten von einer gedämpften Gefühlswelt.
Fazit: Eine wichtige Brücke, kein finales Ziel
Die Substitutionstherapie ist eine der erfolgreichsten Behandlungsmethoden für Opioidabhängige. Sie ist eine Brücke, die aus dem lebensgefährlichen Chaos der Straße in ein stabiles Leben führt.
Sie ist aber für viele nicht das endgültige Ziel. Ob man ein Leben lang substituiert bleibt oder irgendwann den extrem schweren Schritt des Entzugs vom Substitut wagt, ist eine sehr persönliche Entscheidung, die zusammen mit erfahrenen Ärzten getroffen werden muss. Aber eines ist klar: Sie schenkt den Betroffenen Zeit – Zeit zum Leben, Zeit zum Heilen.
Häufige Fragen (FAQ) zur Substitutionstherapie
Bin ich „clean“, wenn ich in einem Substitutionsprogramm bin?
Das ist eine Definitionsfrage. Im Sinne der Therapie bist du „clean“ vom illegalen Drogenkonsum, was der größte Erfolg ist. Du bist aber weiterhin körperlich von einem Opioid abhängig. Viele Betroffene sehen es daher als eine wichtige Zwischenstufe, aber nicht als das Gleiche wie eine vollständige Abstinenz von allen Opioiden.
Was ist der Unterschied zwischen der Substitution mit Methadon und der mit Diamorphin (Heroin)?
Methadon (oder Levomethadon/Buprenorphin) soll den Rausch verhindern. Es wirkt langsam und lang, ohne den euphorischen „Kick“. Die Diamorphin-gestützte Behandlung ist für Schwerstabhängige gedacht, bei denen alle anderen Methoden versagt haben. Sie erhalten unter strengster ärztlicher Aufsicht reines, pharmazeutisches Heroin. Dies soll sie komplett aus dem Schwarzmarkt herausholen und stabilisieren. Diese Behandlung ist in Deutschland an sehr strenge Auflagen geknüpft.
Kann man während der Substitutionstherapie rückfällig werden?
Ja. Ein Rückfall (Beikonsum) ist leider häufig. Die psychische Sucht, der Wunsch nach dem Rausch, ist oft stärker als die blockierende Wirkung des Substituts. Ein guter Substitutionsarzt arbeitet eng mit dem Patienten zusammen, um die Dosis anzupassen und die Ursachen für den Beikonsum in der begleitenden psychosozialen Betreuung zu bearbeiten.