Hey Du,
lass uns heute über das vielleicht fundamentalste menschliche Bedürfnis nach Luft und Wasser sprechen: gesehen zu werden. Das Bedürfnis nach Anerkennung.
Es ist der unsichtbare Motor, der uns antreibt, und die tiefste Wunde, wenn er fehlt. Ich glaube, dass das Fehlen von Anerkennung das Grundproblem hinter fast jeder Sucht, jeder Differenz und jedem Konflikt ist – auch in der Suchthilfe-Szene selbst.
Was ist „Anerkennung“ wirklich? Die 3 Säulen deines Selbstwerts 🏛️
Der Philosoph Axel Honneth hat das brillant auf den Punkt gebracht. Wir brauchen drei Arten von Anerkennung, um ein stabiles „Ich“ aufzubauen:
- Liebe (Private Anerkennung): Die Erfahrung von Zuneigung und Fürsorge in der Familie und in engen Beziehungen. Sie gibt uns Selbstvertrauen.
- Rechte (Rechtliche Anerkennung): Die Erfahrung, als gleichwertiger Bürger mit denselben Rechten wie alle anderen behandelt zu werden. Sie gibt uns Selbstachtung.
- Solidarität (Soziale Anerkennung): Die Erfahrung, dass unsere Fähigkeiten und unser Beitrag zur Gesellschaft wertgeschätzt werden. Sie gibt uns Selbstwertschätzung.
Fehlt eine dieser Säulen, bricht unser inneres Fundament zusammen.

Die Wunde der Missachtung: Wie fehlende Anerkennung in die Sucht führt 💔
Was passiert, wenn du diese Anerkennung nicht bekommst? Du erlebst Missachtung. Und dieser Schmerz ist für viele unerträglich.
- Du wirst nicht geliebt, sondern vernachlässigt oder missbraucht.
- Du wirst nicht als gleichwertig, sondern als „anders“ oder „weniger wert“ behandelt.
- Deine Fähigkeiten werden nicht gesehen, du fühlst dich nutzlos.
Genau hier wird die Sucht zur fatalen Selbsttherapie. Die Droge wird zum Ersatz für die fehlende Anerkennung:
- Sie betäubt den Schmerz der Missachtung.
- Sie gibt dir ein künstliches Gefühl von Stärke und Selbstbewusstsein (z.B. Kokain).
- Sie verschafft dir Anerkennung in einer Subkultur (der Drogenszene), in der dein Konsum als „cool“ oder „normal“ gilt.
Die Droge wird zum verlogenen Freund, der dir das Gefühl gibt, gesehen zu werden, während er dich unsichtbar macht.
Der traurige Zirkus: Konkurrenz und Neid in der Suchthilfe-Szene 🎪
Und dieses verletzte Bedürfnis nach Anerkennung hört in der Recovery nicht auf. Es vergiftet oft sogar die Suchthilfe selbst.
- Konkurrenzdenken: Statt zusammenzuarbeiten, kämpfen viele Projekte und Influencer um die meiste Aufmerksamkeit und die meisten Spenden. „Nur meine Arbeit ist gut und unterstützenswert.“
- Neid & Missgunst: Man gönnt dem anderen den Erfolg nicht, anstatt sich darüber zu freuen, dass mehr Menschen geholfen wird.
- Fehlender Support: Man likt und teilt die Inhalte anderer nicht, weil man Angst hat, die eigene „Reichweite“ zu verlieren.
Das ist der pure Wahnsinn. Es geht nicht mehr um den Grundgedanken der Suchthilfe – anderen zu helfen –, sondern um das eigene Ego. Dabei könnten wir zusammen so viel mehr erreichen.

Der Weg zur Heilung: Wie wir uns selbst anerkennen lernen 🙏
Wahre Heilung beginnt, wenn wir aufhören, die Anerkennung zwanghaft im Außen zu suchen, und anfangen, sie uns selbst zu geben.
- Selbstmitgefühl: Akzeptiere, dass du krank bist, aber nicht schlecht. Sei nachsichtig mit dir.
- Radikale Ehrlichkeit: Steh zu deiner Geschichte, auch zu den dunklen Kapiteln. Deine Ehrlichkeit ist deine größte Stärke.
- Finde deine Werte: Was ist DIR wirklich wichtig im Leben, jenseits der Meinung anderer?
- Hilf anderen: Indem du anderen hilfst, erfährst du, dass du wertvoll und wirksam bist. Das ist die gesündeste Form der Selbstwertschätzung.
Fazit: Die Mission von NeelixberliN – Ein Raum für Anerkennung
Genau das ist die Mission dieses Projekts. Es geht darum, einen Raum zu schaffen, in dem jeder gesehen wird:
- Der Süchtige, der mit seiner Krankheit kämpft.
- Die Angehörige, die in ihrer Verzweiflung oft vergessen wird.
- Andere gute Projekte, die Unterstützung verdienen.
Ich glaube an die Kraft der Dankbarkeit und daran, dass Gutes zu einem zurückkommt. Wenn wir uns gegenseitig anerkennen und unterstützen, können wir wirklich etwas verändern.
Häufige Fragen (FAQ) zum Thema Anerkennung und Sucht
Bin ich ein „Aufmerksamkeitssucher“, wenn ich Anerkennung brauche?
Nein. Das Bedürfnis nach Anerkennung ist ein fundamentales menschliches Grundbedürfnis, genau wie Essen und Trinken. Es als „Aufmerksamkeitssuche“ abzutun, ist eine Form der Missachtung. Problematisch wird es nur, wenn wir versuchen, dieses Bedürfnis auf ungesunde oder zwanghafte Weise zu befriedigen.
Wie kann ich lernen, mir selbst mehr Anerkennung zu geben?
Das ist ein langer Prozess. Er beginnt mit Selbstmitgefühl – also damit, aufzuhören, dich selbst fertig zu machen. Ein weiterer wichtiger Schritt ist, deine eigenen Erfolge, auch die ganz kleinen, bewusst wahrzunehmen und zu feiern. Führe ein Erfolgstagebuch. Lerne, „Nein“ zu sagen, um deine eigenen Grenzen zu achten. Jeder dieser Schritte stärkt dein Selbstvertrauen und deine Selbstachtung.
Wie hängt fehlende Anerkennung mit dem Thema „Heißreden“ zusammen?
„Heißreden“ (das Verherrlichen früherer Drogenexzesse) ist oft ein verzweifelter Versuch, soziale Anerkennung in einer Gruppe zu bekommen. Man erzählt die „krassesten“ Geschichten, um als „harter Hund“ oder „erfahren“ dazustehen. Es ist der Versuch, aus einer schmerzhaften Vergangenheit eine heldenhafte Geschichte zu machen, um die Anerkennung zu bekommen, die man im nüchternen Leben vielleicht vermisst.
Es gibt aber eine wichtige Abgrenzung dazu: Offen über die Vergangenheit zu sprechen, inklusive der Rückfälle, kann auch das genaue Gegenteil sein. So wie bei mir, NeelixberliN, ist es ein Teil der Mission, ‚aus allem Schlechten etwas Gutes zu machen‘. Es geht nicht darum, ‚cool‘ zu wirken, sondern zu zeigen: „Auch ich bin suchtkrank und nicht unfehlbar.“ Wenn Kritiker dann sagen, jemand mit so viel Erfahrung dürfte keine Rückfälle haben, vergessen sie das Wichtigste: Die ehrliche Berichterstattung darüber zeigt, wie wichtig es ist, immer wieder aufzustehen. Das ist die wahre Stärke, und die Anerkennung liegt in der Authentizität, nicht in einer perfekten Fassade.